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Leseproben


'Die Konferenz' (Erzählung, 2010)
„Meine Frage wäre jetzt dann, was wir unternehmen sollten“, sagte Eckert.
Isabella Heinrichs fächelte sich Luft zu.
„Das Foto anschauen“, sagte einer aus der Mathefraktion. Seine Kollegen lachten. Karina Larsen gab einen unterdrückten Aufschrei von sich.
Eckert lief rot an.
„Also, ich bitte um konstruktive Vorschläge“, sagte er.
„So hübsch ist sie wirklich nicht“, flüsterte Isabella Heinrichs Beate Schiller zu.
„Es handelt sich hier sozusagen um einen Präzedenzfall“, fügte Eckert hinzu.
„Ich ... Also ich möchte nicht, dass es öffentlich wird.“
Frau Larsens Stimme war nur zu hören, weil alle beharrlich schwiegen.
Die Köpfe drehten sich zu ihr um, während sie weiter in ihrem Stuhl versank. Isabella Heinrichs musterte sie verächtlich.
„Das ist doch schon mal etwas“, sagte Eckert, „Sie möchten also eine schulinterne Regelung.“

Hans-Peter Steiner verschränkte die Arme hinter seinem Kopf.
„Wieso eigentlich?“, fragte er. „Wir könnten ja auch zur Polizei gehen.“
Natürlich war das nicht ernst gemeint, aber er hatte gerade Lust, Eckert nervös zu machen.
Der Rektor blickte ihn unsicher an.
„Denken Sie denn, dass ...?“
Steiner stieß Luft aus. „Nee, jetzt mal ehrlich“, sagte er und beugte sich über den Tisch, „das ist doch alle Blödsinn.
Wir haben mit dem Privatkram nichts zu tun.“
Die Kollegen an seinem Tisch stimmten zu. Karina Larsen fing an zu weinen.
Steiner lehnte sich zurück und wartete ab, was passieren würde. Die ganze Konferenz ging ihm auf die Nerven.
Karina Larsen entschuldigte sich und verließ den Raum.
Herrn Eckerts Schweißflecken waren mittlerweile riesig und es sah aus, als habe er den Faden verloren. Steiner begann sich zu amüsieren.
„Ich schlage vor, Anna zu einem Gespräch ins Rektorat zu bitten“, sagte Isabella Heinrichs.
Steiner gab einen gequälten Ton von sich. Die Heinrichs ging ihm noch mehr auf die Nerven als Eckert.
„Weißt du noch, am Wandertag?“, sagte ein Kollege zu ihm. Steiner erinnerte sich sehr gut.
Er hatte vorgeschlagen, sich die Füße im Park zu vertreten, wie sie es immer getan hatten.
Aber die Heinrichs hatte eine Zehn-Kilometer-Tour angesetzt und die Schüler hatten sich darüber amüsiert,
dass er nach der Hälfte der Strecke schlapp gemacht hatte. Er hasste es, wenn er nicht ernst genommen wurde.
Den Vorschlag mit dem Gespräch hatte dieses Frauenzimmer nur gemacht, um ihn zu ärgern.
„Ich bin der gleichen Meinung wie Isabella“, sagte Beate Schiller.
Steiner lehnte sich wieder nach vorne. „Und was soll das bringen? Die streiten sowieso alles ab.“
„Wieso denn ‚die’?“, fragte Beate Schiller.
„Paul und Anna natürlich.“
„Niemand hat behauptet, dass Paul auch beteiligt war“, warf ein Physikkollege ein.
„Paul war auch im Schwimmbad. Und wo Anna ist, ist Paul nicht weit“, sagte ein anderer.
„Unsinn, Anna stiftet Paul nur zu allem an.“
„Ja, das denke ich auch.“
„Von welchem Paul ist eigentlich die Rede?“
„Sie unterrichten die Klasse doch schon lange nicht mehr, wie wollen Sie das wissen?“
„Das sehe ich doch, also bitte.“
„Selbst wenn, in die Damendusche wird Paul ja wohl nicht gekommen sein.“
„Das ist doch kein Argument“, sagte Steiner genüsslich. Ihm machte das Ganze gerade richtig Spaß.
„Steiner hat recht, jeder kommt in die Duschen rein.“
„Also meine Herren, wovon reden wir hier eigentlich?“, fragte eine ältere Englischkollegin.
„Ich finde auch, dass die Diskussion sinnlos ist“, pflichtete ihr ein anderer bei.
„Nein“, widersprach die Englischlehrerin und wurde rot, „ich weiß wirklich nicht, worum es gerade geht.“
„Es geht darum, dass Paul sicherlich auch beteiligt war“, sagte der Musikkollege. „Er wedelt häufig mit der Spiegelreflexkamera seines Vaters herum.“
Alle Augen gingen automatisch zu Herrn Hillerts Platz. Er war leer.
Steiner sah zur Tür, wo Hillert erstarrt war.
„Toilette“, murmelte er, dann fiel sein Blick auf die gepackte Schultasche, die er in der Hand hielt.
Er ließ sie abrupt fallen und verließ das Lehrerzimmer.
Steiner lachte in sich hinein. Was für ein Idiot.

'Mia.' (Roman, 2009)
In gemütlichem Tempo schob Mia ihr Fahrrad vor sich her und versuchte, ihrem eigenen Schatten, der sich auf dem heißen Teer abbildete, zu entkommen.
Es war kindisch und sie war alt genug, um zu wissen, dass das nicht funktionieren würde, aber sie mochte das Spiel schon, seit sie in den Kindergarten ging.
Es vertrieb die Zeit auf dem Heimweg.
Der letzte Schultag der achten Klasse war gerade vorbei und sie lief mit ihrer Schultertasche gemächlich die Schierlingsstraße entlang.
Sie kam an dem Haus der Tierärztin vorbei, bevor sie in die eigene Einfahrt bog.
Sie kannte Anne nun schon fast zwei Jahre.
Mia hatte ihr versprochen, am letzten Schultag nach dem Mittagessen vorbeizukommen.
Sie stellte ihr Fahrrad zuhause in der Garage ab und ging zum Haus.
Sie klingelte.
Es kam ihr immer ein wenig merkwürdig vor, dass sie zuhause klingeln musste, wenn sie hinein wollte.
Es gab keinen Ersatzschlüssel, obwohl Mia gerne einen hätte.
Sie kam sich manchmal fast so vor, als würde sie an einem fremden Haus klingeln.
Diesen Eindruck hatte sie ganz besonders an diesem Tag.
Sofort nach ihrem ersten Klingeln wurde die Tür nahezu aufgerissen und ihre Mutter trat nach draußen,
sodass Mia zurückweichen musste. Sie stolperte beinahe die Treppenstufe hinunter.
„Hallo, Mia“, sagte ihre Mutter ein wenig zu laut und umarmte sie, „Jetzt hast du auch die achte Klasse geschafft.“
Sie zog Mia mit sich ins Haus und legte ihr den Arm um die Schultern.
„Mit dem Essen dauert es noch ein bisschen, vielleicht willst du ja erst mal deine Hausaufgaben machen.“
„Am letzten Schultag bekommt man keine Hausaufgaben“, sagte Mia und blickte in die unruhigen Augen ihrer Mutter.
„Dann zeig mir doch dein Zeugnis“, forderte ihre Mutter sie auf und schob sie die Treppe nach oben.
Aus der Küche hörte Mia die Stimme ihres Vaters. „... will das nicht, ich will das nicht“, sagte er vor sich hin.
Der Griff um Mias Schulter wurde fester. Mia war auf der Treppe stehengeblieben.
„Was ist los?“, fragte sie.
Statt einer Antwort hörte Mia nur die Worte, die aus der Küche zu ihr herauskrochen.
„Die können mir die Arbeit nicht verweigern. Nicht mir.“
Er schien zu weinen. „Was soll jetzt noch aus mir werden? Was?“
Der Knall seiner Hand auf der Tischplatte war laut, und Mia und ihre Mutter zuckten zusammen.
Mia sah sie an. Das geschminkte Gesicht schien auseinander zu fallen.
„Eva, wo ist das Bier, das im Kühlschrank war?“ Mias Vater brüllte die Worte und es krachte erneut, Holz splitterte.
Mia ließ ihre Tasche auf die Treppe fallen und rannte hinaus.
„Warte, Mia, wir essen doch gleich“, sagte ihre Mutter.
Mia lief in den Garten, atmete tief durch, holte Barty und klingelte bei Anne.
„Du bist schon da?“, fragte Anne überrascht, als sie die Tür öffnete. „Ich meine, ich freue mich, aber willst du nicht vorher noch etwas essen?“
„Ich habe schon gegessen“, sagte Mia und versteckte ihre Hände vorsorglich in ihren Hosentaschen.
Sie konnte ihre Finger nicht ruhig halten.
„Also gut, dann können wir losgehen. Aber wir packen noch ein bisschen Proviant ein, oder?“
Sie gingen in die Küche. Mia war immer erstaunt, wie sauber hier alles war.
„Möchtest du einen Apfel mitnehmen?“, fragte Anne.
Mia nickte und legte die Hand auf ihren Bauch, damit er nicht knurrte.
„Ralf kommt heute früher von der Arbeit und passt auf Johanna und Lara auf, wir können also gleich gehen.“
Anne streichelte Barty, der bereits aufgeregt hechelte. Sie hatten vor, einen längeren Spaziergang zusammen zu machen.
Mia hatte sich schon die ganze Woche darauf gefreut.
Wenige Minuten später kam Ralf und Anne und Mia konnten losgehen.
Vor dem Haus wartete Mia, bis Anne ihre Schnürsenkel gebunden hatte.
Als sie sich umblickte, sah sie, dass ihre Mutter vor die Tür getreten war und ihr zuwinkte. „Viel Spaß!“, rief sie lächelnd.
Mia blickte weg.
Es kam ihr nun so vor, als wäre das Haus nebenan wirklich ein fremdes und die Frau wäre nur irgendeine Person, die sie nicht kannte.
Anne richtete sich auf und sah Mia aufmunternd an. „Also, gehen wir?“
Mia sah aus den Augenwinkeln, wie die Frau, ihre Mutter, wieder nach drinnen ging.
Sie wandte sich zu Anne um und nahm Bartys Leine fest in die Hand.
„Gehen wir.“


'Die Insel' (Roman, 2010)
„Ina?“
Frau Andersen sah sie an, während sie ihre Unterlagen vom Pult nahm.
„Hast du noch einen Moment?“
„Sicher“, sagte Ina und ging zurück ins Klassenzimmer, während die anderen den Raum verließen.
Die Lehrerin stellte ihre Tasche auf das Pult und wartete, bis sie alleine waren.
„Ich möchte dich nur um eines bitten“, sagte sie. „Lass nicht nach, egal, was die anderen tun.“
Ina legte überrumpelt die Hand aufs Pult. „Wieso meinen Sie ...?“ Sie deutete auf die Blätter, die sie eben zurückbekommen hatte. „In der Klausur war ich gut ...“
„Ich weiß, sogar sehr gut“, sagte Frau Andersen. Ihre rötlichen Haare reflektierten das Herbstlicht, das durch die Scheiben fiel. „Ich sage das aus eigener Erfahrung.“
Es war still im Klassenzimmer. Inas Finger zitterten plötzlich.
„Das war schon, was ich dir sagen wollte.“
Ina nickte mit leerem Blick, presste ihre Arme an sich und verließ das Klassenzimmer.
***
Im Foyer war Mike damit beschäftigt, den Boden zu fegen.
„Hallo Ina. Was ist los?“
„Woher weißt du, dass etwas los ist?“
„Du gehst an der Bibliothek vorbei, ohne ein Buch mitzunehmen.“
Ina lächelte schwach. „Ja, du hast recht. Meine Ethiklehrerin hat mir gerade gesagt, ich solle nicht nachlassen.“
„Tust du das denn?“ Mike holte den Eimer, der in der Nähe stand. Ina hielt ihm die Schaufel hin und er kehrte den Dreck darauf.
„Nein“, sagte Ina. „Aber sie glaubt, dass es passieren könnte.“
„Und warum?“, fragte Mike.
„Weil“, sagte Ina und ließ die Schaufel sinken, sodass der Dreck fast wieder auf den Boden fiel, „weil es auffällt, dass ich gut bin. Weil es nicht gern gesehen wird.“
Sie schüttete den Inhalt der Schaufel in den Eimer.
„Und sie hat wahrscheinlich recht. An meiner alten Schule bin ich irgendwie nicht aufgefallen.
Aber hier ist das anders. Ich weiß nicht, woran es liegt. Jedenfalls merke ich, dass die meisten von mir denken, ich würde nur für die Schule leben.
Und sie denken wahrscheinlich, ich schleime mich bei den Lehrern ein.“
„Sie meinen Rodrigues, oder?“
„Woher weißt du das?“
„Er hat mir schon von dir erzählt. Dass du literarisch so interessiert bist. Die beneiden dich sicher, weil er dich schätzt.“
Ina schwieg.
Mike trug den Eimer in sein Häuschen und legte den Besen beiseite.
***
Linda und Tom standen mit Anna und Julian um einen der Stehtische und tranken Cocktails. Ina griff ihre Limonade fester und stellte sich dazu.
„Hi“, sagte sie und lächelte Linda an.
„Hi“, sagte Linda und die anderen taten es ihr gleich.
Ina trank einen Schluck von der Limonade und versuchte, näher an den Tisch heranzukommen, damit sie die Flasche absetzen konnte.
Sie zwängte ihren Arm zwischen Anna und Julian hindurch und stellte die Flasche ungeschickt zu den Gläsern.
Linda sah auf die Limonade herab und ihr Blick fiel auf Inas Hand, die auf dem Tisch lag.
Ina zuckte zusammen und zog sie weg.
Tom warf Linda einen Blick zu und Ina fixierte die Bühne.
Fernando Rodrigues trat auf. Er trug ein Hawaiihemd und Shorts und hielt einen Cocktail in der Hand.
Lächelnd nahm er das Mikrofon. Ina hörte nicht, was er sagte.
Sie sah aus den Augenwinkeln, wie Linda und Tom miteinander tuschelten und in ihre Richtung blickten.
Es wurde applaudiert. Rodrigues verließ die Bühne. Die Musik wurde lauter gedreht.
Ina trat wieder einen Schritt auf den Tisch zu, von dem sie sich entfernt hatte.
Linda und Tom unterhielten sich miteinander, Julian hatte sich zu jemandem am Nachbartisch rübergebeugt und Anna schminkte sich die Lippen nach.
Der Lippenstift fiel zu Boden, als Anna nach ihrem Glas griff. Ina bückte sich rasch und gab ihn ihr.
Anna steckte ihn ein.
 Im selben Moment wandte sich Julian wieder dem Tisch zu und Linda und Tom beendeten ihr Gespräch.
Es war vollkommen still.
Unvermittelt klopfte Rodrigues mit der Faust auf den Tisch.
„Hallo, na, amüsieren Sie sich?“
Linda und die anderen nickten und nippten an ihren Gläsern.
„Ah, Ina, Sie habe ich gesucht“, sagte Rodrigues. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie eine Schillerbiographie von Safranski besitzen,
könnten Sie die bitte zum nächsten Treffen mitbringen?“
„Ja“, sagte sie, „klar.“
„Sehr schön.“ Rodrigues grinste zufrieden. „Also, ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Party, vielleicht sieht man sich noch.“
Er trat an den nächsten Tisch.
Ina drehte sich nicht zu dem Stehtisch um, auf dem ihre Limonade stand.
Sie sah ihnen nicht in die Augen, ihr Blick streifte nur für einen kurzen Augenblick die Gruppe.
Dann ging sie einfach weg.

© Lisa M. Koßmann 2007-2011